Wie wählt man die passende SPS für eine Automatisierungsanlage aus?
von SK
Die Auswahl einer speicherprogrammierbaren Steuerung entscheidet nicht nur über die Funktion einer Anlage, sondern über deren Wartbarkeit, Erweiterbarkeit und Datenanbindung für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre. Wer die Entscheidung auf CPU-Leistung und Anschaffungspreis reduziert, zahlt später an anderer Stelle: bei Nachrüstungen, bei Ersatzteilen, bei jeder Schnittstelle zum MES oder CAQ-System, die nachträglich gebaut werden muss.
Die passende SPS ergibt sich aus einer sauber dokumentierten Anforderungsklärung, nicht aus einem Herstellervergleich: Zykluszeiten, Signalarten, Sicherheitsanforderungen, Kommunikationswege und geplante Anlagenerweiterungen definieren gemeinsam den Lösungsraum, innerhalb dessen mehrere Plattformen technisch geeignet sein können.
In Projekten zeigt sich regelmäßig ein Muster: Die reine Steuerungstechnik ist selten das Problem. Schwierig wird es, wenn Qualitätsdaten aus dem Prozess gebraucht werden, aber die Steuerung sie nicht sauber bereitstellt, oder wenn ein Retrofit an einem proprietären Bussystem hängt, für das es keine wirtschaftliche Erweiterung mehr gibt. Genau diese Punkte gehören an den Anfang der Auswahl, nicht ans Ende.
Aufgaben und Anforderungen der Anlage präzise erfassen
Bevor irgendein Datenblatt geöffnet wird, braucht es eine funktionale Beschreibung der Anlage. Was wird gesteuert, was geregelt, welche Sequenzen laufen ab, welche Betriebsarten sind vorgesehen? Erst daraus lassen sich Anforderungen an Rechenleistung, Speicher und Peripherie ableiten.
Bewährt hat sich eine Anforderungsmatrix mit vier Blöcken:
| Anforderungsblock | Konkret zu klären |
|---|---|
| Steuerungsaufgaben | Anzahl Achsen, Regelkreise, Rezeptverwaltung, Chargenverfolgung |
| Zeitverhalten | geforderte Zykluszeit, Reaktionszeit auf schnelle Signale, Synchronität |
| Bedienung | HMI-Umfang, Rezepteingabe, Störmeldearchiv, Rückverfolgbarkeit |
| Variantenvielfalt | Produktwechsel, Rüstvorgänge, geplante Ausbaustufen |
Besonders die Zykluszeit wird häufig zu grob geschätzt. Eine Verpackungsanlage mit Taktzeiten im Zehntelsekundenbereich stellt andere Anforderungen als ein temperaturgeführter Prozess mit Minutenkonstanten. Wo schnelle Zählfunktionen, Messtaster oder Positionierungen im Spiel sind, entscheidet nicht die CPU allein, sondern die Kombination aus CPU, Baugruppe und Buszyklus.
Ebenso wichtig: Welche Prozessdaten sollen dauerhaft erfasst werden? Wenn Messwerte, Prozessparameter und Störungsursachen später für Fehleranalysen, FMEA-Aktualisierungen oder Audits gebraucht werden, muss die Steuerung diese Daten strukturiert und zeitlich zuordenbar liefern. Diese Anforderung nachträglich einzubauen, ist deutlich teurer als sie im Lastenheft zu benennen.
Halten Sie fest, was verpflichtend ist und was wünschenswert. Diese Priorisierung ist später die Basis, um Angebote nachvollziehbar zu vergleichen, statt Ausstattungslisten gegeneinander zu stellen.
Steuerungsarchitektur und erforderliche Leistungsreserven bestimmen
Die Architekturfrage kommt vor der Gerätefrage. Eine zentrale Steuerung mit dezentraler Peripherie ist übersichtlich und wartungsfreundlich, bündelt aber das Ausfallrisiko. Eine modulare Struktur mit mehreren Teilsteuerungen erlaubt es, Anlagenmodule unabhängig in Betrieb zu nehmen und später zu erweitern, verlangt dafür aber klare Schnittstellendefinitionen zwischen den Modulen.
Drei Architekturmuster begegnen uns in der Praxis am häufigsten:
- Zentrale SPS mit dezentralen I/O-Inseln: geeignet für kompakte Maschinen und Linien mit einheitlichem Prozess.
- Modulare Mehrsteuerungsstruktur: sinnvoll bei Linien, die in Stufen wachsen oder aus Zukaufmodulen unterschiedlicher Lieferanten bestehen.
- SPS plus Industrie-PC: wenn Datenvorverarbeitung, Bildverarbeitung oder Modellrechnungen anfallen, die den Steuerungszyklus nicht belasten sollen.
Bei den Reserven gilt eine einfache Faustregel aus Erfahrung: Planen Sie beim Erstentwurf rund 20 bis 30 Prozent Luft bei Speicher, Kommunikationsverbindungen und I/O-Steckplätzen ein. Nicht als Vorsichtsmaßnahme, sondern weil Erweiterungen praktisch immer kommen, sei es durch eine zusätzliche Prüfstation, eine Kennzeichnungseinheit oder neue Datenerfassungspunkte.
Wichtig ist auch die Frage der Erweiterbarkeit im Betrieb. Lässt sich Peripherie im laufenden Prozess ergänzen? Wie wirkt sich eine Programmänderung auf die Verfügbarkeit aus? Bei Anlagen im Dreischichtbetrieb sind Änderungen im Stillstand ein knappes Gut, und eine Plattform, die Online-Änderungen und segmentierte Programmstrukturen unterstützt, spart über Jahre erhebliche Stillstandszeit.
Einfahr- und Ausgabesignale sowie Feldbusse bewerten
Die Signalliste ist das nüchternste und gleichzeitig aussagekräftigste Dokument der Auswahl. Erfassen Sie digitale und analoge Ein- und Ausgänge getrennt, mit Signalpegel, Genauigkeitsanforderung, Abtastrate und Sicherheitsrelevanz. Erst dann lässt sich beurteilen, ob Standardbaugruppen genügen oder ob Spezialkarten für Widerstandsthermometer, Wägezellen, Inkrementalgeber oder schnelle Zähler nötig sind.
Praktische Hinweise, die sich in Projekten immer wieder bewähren:
- Analogsignale nach Auflösung und Störfestigkeit gruppieren, statt sie beliebig auf freie Kanäle zu legen.
- Sicherheitsgerichtete Signale von Standardsignalen trennen und schon in der Planung eindeutig kennzeichnen.
- Motorabgänge, Ventilinseln und Antriebe früh dem geplanten Bussystem zuordnen, weil dies die Klemmenanzahl deutlich reduziert.
- Reservekanäle je Baugruppe vorsehen, nicht nur als Gesamtreserve über die Anlage.
Bei der Feldbusauswahl entscheidet weniger der theoretische Leistungsvergleich als das Umfeld. Welche Antriebe, Sensoren und Zukaufmodule sind gesetzt? Welche Busse beherrscht die eigene Instandhaltung? Welche Topologie passt zur räumlichen Ausdehnung, Linie, Stern oder Ring? Ethernet-basierte Systeme wie PROFINET, EtherCAT oder EtherNet/IP dominieren bei Neuanlagen, während klassische Feldbusse in Bestandsanlagen weiter präsent sind und bei Erweiterungen über Gateways angebunden werden können.
Ein Punkt wird gern unterschätzt: Diagnosefähigkeit. Automatische Adressvergabe, kanalgenaue Fehlermeldungen und Leitungsdiagnose verkürzen die Störungssuche erheblich. In der Instandhaltung wirkt sich das stärker aus als ein paar Mikrosekunden Buszykluszeit.
Kommunikation, Schnittstellen und IT-Integration planen
Die Steuerung ist heute nicht nur Aktor, sondern Datenquelle. Genau hier trennt sich eine tragfähige Auswahl von einer rein maschinenbezogenen. Welche Daten müssen an ein MES, ein CAQ-System, eine Instandhaltungssoftware oder ein Betriebsdatensystem gehen, in welcher Frequenz und in welcher Struktur?
Klären Sie dazu konkret:
| Frage | Warum sie zählt |
|---|---|
| Welche Protokolle sind vorhanden? | OPC UA, MQTT, Modbus TCP oder REST bestimmen den Integrationsaufwand |
| Wo werden Daten aufbereitet? | Vorverarbeitung in der SPS, im Edge-Gerät oder erst im MES |
| Wie sind Semantik und Namensraum geregelt? | einheitliche Variablenbenennung verhindert Sonderlösungen je Maschine |
| Wie erfolgt Zeitstempelung? | Qualitätsdaten ohne verlässlichen Zeitbezug sind für Analysen kaum brauchbar |
| Welche Rückrichtung ist nötig? | Auftrags- und Rezeptdaten von IT zur Anlage, nicht nur Datenabfluss |
Wo papierlose Prüfprozesse geplant sind, entscheidet die Steuerung mit, ob Prüfergebnisse automatisch entstehen oder weiterhin manuell erfasst werden. Eine SPS, die Messwerte mit Auftrags-, Chargen- und Werkzeugbezug bereitstellt, macht Regelkarten und Fehlersammelkarten im CAQ-System zum Nebenprodukt der Fertigung. Fehlt dieser Bezug, entstehen Datensammlungen, die niemand auswertet. In Projekten zur papierlosen Qualitätssicherung, wie sie etwa Kontor Gruppe an der Schnittstelle von Prozessoptimierung, Qualitätsmanagement und Digitalisierung begleitet, ist dieser Punkt regelmäßig der Hebel mit dem größten Effekt.
Sicherheit auf IT-Seite gehört ebenfalls in die Bewertung: Netzsegmentierung, Benutzerverwaltung, signierte Firmware-Updates und dokumentierte Zugriffswege für Fernwartung. Diese Anforderungen wachsen, und Nachrüsten ist bei geschlossenen Plattformen mühsam.
Umgebungsbedingungen, Sicherheit und Normen berücksichtigen
Die Einsatzbedingungen filtern den Lösungsraum oft schneller als jede Leistungskennzahl. Temperaturbereich im Schaltschrank, Vibration, Feuchte, aggressive Medien, Waschprozesse, Staub oder Ex-Zonen führen zu klaren Vorgaben bei Schutzart, Beschichtung und zulässiger Umgebungstemperatur. In der Lebensmittelfertigung ist die Reinigbarkeit dezentraler Peripherie ein hartes Kriterium, in der Metallverarbeitung eher die Störfestigkeit gegen Umrichter und Schweißprozesse.
Die Sicherheitsbetrachtung folgt der Risikobeurteilung, nicht der Gerätepräferenz. Aus dem erforderlichen Performance Level oder SIL ergibt sich, ob eine sicherheitsgerichtete Steuerung, ein integriertes Safety-Modul oder eine separate Sicherheitslösung sinnvoll ist. Integrierte Safety in derselben Plattform reduziert Verdrahtung und Diagnoseaufwand; getrennte Systeme können bei einfachen, stabilen Sicherheitsfunktionen günstiger und im Bestandsumfeld leichter zu handhaben sein. Beides ist vertretbar, sofern die Entscheidung nachvollziehbar dokumentiert ist.
Berücksichtigen Sie außerdem:
- Zertifizierungen und Nachweise für den Zielmarkt, inklusive CE-Konformität und maschinenrichtlinienbezogener Dokumentation.
- Branchenspezifische Anforderungen, etwa Validierbarkeit und Änderungsnachweis in Medizintechnik und Pharma oder Rückverfolgbarkeit in der Automobilzulieferung.
- Nachweispflichten aus Managementsystemen: Wer nach ISO 9001, IATF 16949 oder ISO 13485 arbeitet, braucht belastbare Nachweise zu Softwarestand, Änderungsfreigaben und Prüfmittelanbindung.
- Anforderungen an Datenaufzeichnung und Aufbewahrungsfristen, die sich direkt auf Speicher und Archivierungskonzept auswirken.
Diese Punkte früh zu klären verhindert, dass eine technisch passende Steuerung später an Dokumentations- oder Zulassungsanforderungen scheitert.
Kosten über den Lebenszyklus und Lieferfähigkeit vergleichen
Der Anschaffungspreis der Hardware macht bei Automatisierungsprojekten meist den kleineren Teil der Gesamtkosten aus. Entscheidend ist die Summe über die Nutzungsdauer, und dort dominieren Engineering, Instandhaltung und Stillstandsrisiko.
Ein Vergleich sollte mindestens diese Positionen enthalten:
| Kostenblock | Typische Treiber |
|---|---|
| Hardware | CPU, Baugruppen, Netzteile, Sicherheitstechnik, Reserveplätze |
| Engineering-Software | Lizenzmodell, Anzahl Arbeitsplätze, Laufzeit, Upgrade-Pflichten |
| Programmierung und Inbetriebnahme | Bibliotheken, Standardisierungsgrad, Simulationsmöglichkeiten |
| Betrieb und Instandhaltung | Diagnosetiefe, Ersatzteilhaltung, Schulungsaufwand |
| Änderungen und Erweiterungen | Aufwand für Ausbaustufen, Retrofit-Fähigkeit |
| Abkündigung und Migration | angekündigte Produktlebensdauer, Migrationspfade, Kompatibilität |
Zwei Faktoren werden regelmäßig unterschätzt. Erstens die Verfügbarkeit von Know-how: Eine Plattform, die die eigene Instandhaltung nicht beherrscht, erzeugt dauerhaft externe Einsätze bei jeder Störung. Zweitens die Lieferfähigkeit. Die Engpässe der vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell eine geplante Ausbaustufe kippt, wenn eine Baugruppe zwölf Monate Lieferzeit hat. Fragen Sie deshalb aktiv nach zugesicherter Produktlebensdauer, Ersatzteilverfügbarkeit nach Abkündigung und alternativen Bezugswegen.
Praktisch bewährt hat sich ein einfaches Vorgehen: Priorisierte Anforderungsliste, zwei bis drei technisch geeignete Plattformen, gleicher Bewertungsraster, dokumentierte Begründung. Damit wird die Entscheidung nachvollziehbar, auch für Kollegen, die die Anlage in zehn Jahren betreuen.