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Automatisierung und Robotik für effiziente Prozesse nutzen

von SK

Automatisierung und Robotik lohnen sich dort, wo Prozesse stabil, standardisiert und ausreichend wiederholgenau beschrieben sind. Wer eine Zelle in einen schwankenden, dokumentarisch unklaren Ablauf stellt, automatisiert vor allem seine bisherigen Probleme, nur schneller und teurer. Die technische Frage ist damit fast immer die zweite; die erste lautet, wie belastbar der Prozess heute läuft.

Automatisierung und Robotik

In Projekten mit Zulieferern, Medizintechnik- und Verpackungsherstellern zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Die Amortisation entscheidet sich weniger am Stundensatz des Roboters als an Rüstzeiten, Teilezuführung, Prüfstrategie und Datenanbindung. Der wirtschaftliche Hebel liegt selten im Roboter selbst, sondern in der Kombination aus standardisiertem Prozess, sauber definierter Schnittstelle zur Qualitätssicherung und realistisch geplanter Anlaufphase.

Dieser Beitrag ordnet Begriffe ein, benennt geeignete und ungeeignete Einsatzfelder, zeigt Kennzahlen für die Wirtschaftlichkeitsbewertung und beschreibt, welche regulatorischen und organisatorischen Anforderungen vor einer Investition geklärt sein sollten.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Stabile, standardisierte Prozesse sind die Voraussetzung für rentable Automatisierung, nicht ihr Ergebnis.
  • Wirtschaftlichkeit entscheidet sich über Auslastung, Rüstaufwand, Qualitätskosten und Anlaufzeit, nicht über den Anschaffungspreis allein.
  • Sicherheitsnachweise, Validierung und Qualifizierung der Mitarbeitenden gehören von Beginn an in die Projektplanung.

Grundlagen: Begriffe, Systeme und Abgrenzungen

Automatisierung beschreibt die Übertragung von Steuerungs-, Regelungs- und Ausführungsaufgaben an technische Systeme. Robotik ist eine Teilmenge davon: frei programmierbare, mehrachsige Maschinen, die Bewegungsaufgaben mit definierter Wiederholgenauigkeit ausführen. Nicht jede Automatisierung braucht einen Roboter, und nicht jede Roboteranwendung ist eine sinnvolle Automatisierung.

Für die Bewertung im Betrieb hilft eine einfache Einordnung:

Systemtyp Typische Aufgabe Stärke Grenze
Starre Sonderanlage Hohe Stückzahl, ein Produkt Taktzeit, Kosten pro Teil Kaum umrüstbar
Industrieroboter (6-Achs) Handling, Schweißen, Kleben, Palettieren Reichweite, Traglast, Wiederholgenauigkeit Schutzraum, Programmieraufwand
Cobot (kollaborierend) Maschinenbeladung, Prüfhandling, Kleinserien Flexibilität, geringer Platzbedarf Reduzierte Geschwindigkeit, Risikobeurteilung nötig
Fahrerlose Transportsysteme (AGV/AMR) Innerbetrieblicher Materialfluss Entkopplung von Takten Layout- und Infrastrukturabhängig
Softwarerobotik (RPA) Regelbasierte Bürovorgänge Schnelle Einführung, keine Hardware Bricht bei Systemänderungen

Zur Automatisierung gehören außerdem die Ebenen, die selten im Angebot stehen und trotzdem den Aufwand treiben: Sensorik und Bildverarbeitung zur Lageerkennung, Steuerungstechnik (SPS), Anbindung an MES (Manufacturing Execution System) und CAQ (Computer Aided Quality). Ohne diese Verzahnung entsteht eine Insel, die Daten produziert, aber keine nutzt.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Automatisierungsgrad und Autonomie. Ein hoher Automatisierungsgrad bedeutet, dass viele Schritte ohne Eingriff laufen. Autonomie bedeutet, dass das System auf unerwartete Zustände selbst reagiert. Letzteres ist in der Fertigung eher die Ausnahme und sollte nicht vorausgesetzt werden.

Geeignete Einsatzfelder in Produktion und Administration

Geeignet sind Prozesse mit klar definiertem Ergebnis, wiederkehrender Sequenz und beherrschbarer Variantenvielfalt. In der Praxis lassen sich vier Merkmale nennen, die eine Anwendung tragfähig machen: definierte Teilegeometrie oder Datenstruktur, reproduzierbare Ausgangslage, messbares Ergebnis und ein Fehlerfall, der eindeutig erkennbar ist.

Bewährte Felder in der Produktion:

  • Maschinenbeladung und -entladung an Dreh-, Fräs- und Spritzgießmaschinen, besonders bei Nachtschichten oder Wochenendläufen
  • Palettieren und Verpacken, häufig der schnellste Business Case durch Ergonomie- und Taktzeitgewinn
  • Füge- und Beschichtungsprozesse wie Schweißen, Kleben, Dosieren, bei denen Prozessparameter reproduzierbar bleiben müssen
  • Prüf- und Messhandling in Kombination mit Bildverarbeitung, etwa für Vollständigkeits- und Maßprüfungen
  • Innerbetrieblicher Transport bei stabilen Routen und definierten Übergabepunkten

In der Administration liegt das Potenzial in strukturierten, regelbasierten Abläufen: Reklamationsvorerfassung, Prüfdatenübernahme, Lieferantenbewertung, Dokumentenlenkung im DMS, Erstellung wiederkehrender Berichte. Diese Vorgänge sind oft schneller automatisiert als Produktionszellen, brauchen aber ebenso klare Regeln.

Ungeeignet sind Anwendungen mit hoher Teileschwankung ohne Zuführlösung, häufigen konstruktiven Änderungen, unklarer Prüfvorschrift oder stark manueller Nacharbeit. Hier empfiehlt sich zuerst Prozessstabilisierung mit Lean-Methoden, 5S und Standardarbeit. Genau an dieser Stelle setzen wir in Beratungsprojekten regelmäßig an, weil sich der Investitionsbedarf danach oft deutlich reduziert.

Nutzen, Wirtschaftlichkeit und typische Kennzahlen

Der Nutzen entsteht auf vier Ebenen: Ausgabe pro Zeit, Qualitätskosten, Personaleinsatz und Belastung der Mitarbeitenden. Belastbar wird die Rechnung erst, wenn alle vier bewertet werden. Ein Projekt, das nur Personalkosten gegenrechnet, unterschätzt den Nutzen häufig und überschätzt gleichzeitig die Geschwindigkeit der Umsetzung.

Kennzahlen, die sich in der Bewertung bewährt haben:

Kennzahl Bedeutung für die Entscheidung
OEE (Gesamtanlageneffektivität) Zeigt, ob Verfügbarkeit, Leistung oder Qualität der eigentliche Engpass ist
Ausschuss- und Nacharbeitsquote Direkter Hebel auf Qualitätskosten, oft unterschätzt
Rüstzeit pro Wechsel Entscheidet über Wirtschaftlichkeit bei Variantenfertigung
Cpk / Prozessfähigkeit Belegt, ob der Prozess überhaupt automatisierungsreif ist
Auslastung der Zelle in Stunden pro Jahr Wichtigster Treiber der Amortisation
Kosten pro Teil vor und nach Umsetzung Vergleichbare Basis über Varianten hinweg

Auf der Kostenseite gehören mehr als Roboter und Greifer in die Kalkulation: Zuführung, Schutzeinrichtung, Bildverarbeitung, Integration, Programmierung, CE-Konformität, Schulung, Ersatzteile, Anlaufverluste. Erfahrungsgemäß liegt der Anteil der Peripherie und Integration bei vielen Zellen deutlich über dem Anteil des Roboters selbst.

Für die Amortisation gilt eine nüchterne Regel: Ein- bis Zweischichtbetrieb mit geringer Auslastung trägt selten kurze Rückflusszeiten. Steigt die Laufzeit, verschiebt sich das Bild deutlich. Sinnvoll ist eine Rechnung mit drei Szenarien, konservativ, erwartet und optimistisch, jeweils inklusive Anlaufphase von mehreren Wochen bis Monaten.

Von der Potenzialanalyse zur erfolgreichen Umsetzung

Erfolgreiche Projekte folgen einer Reihenfolge, die selten übersprungen werden kann. Am Anfang steht keine Technologieauswahl, sondern eine nachvollziehbare Bewertung der Prozesse.

1. Prozessaufnahme und Potenzialanalyse. Wertstrom aufnehmen, Taktzeiten und Störgründe messen, Varianten und Losgrößen erfassen. Bewertung nach technischer Machbarkeit und wirtschaftlichem Effekt, nicht nach Sichtbarkeit im Betrieb.

2. Standardisierung vor Investition. Standardarbeit definieren, 5S umsetzen, Prüfvorschriften und Toleranzen prüfen, Teilequalität der Zulieferungen absichern. Diese Phase kostet Zeit und spart Nachbesserung.

3. Konzept und Lastenheft. Zielstückzahl, Taktzeit, Variantenspektrum, Schnittstellen zu ERP/MES/CAQ, Fehlerfälle, Verfügbarkeitsziel, Abnahmekriterien. Ein Lastenheft ohne definierte Abnahmekriterien führt regelmäßig zu Streit bei der Inbetriebnahme.

4. Risikoanalyse. Prozess-FMEA für die geplante Zelle, ergänzt durch die maschinenspezifische Risikobeurteilung. Hier werden Ausfallszenarien, Fehlerfortpflanzung und Prüfmittel geklärt, bevor Hardware bestellt wird.

5. Machbarkeitsnachweis. Kritische Teilfunktionen vorab testen, typischerweise Greifen, Vereinzeln, Erkennen. Machbarkeitsstudien beim Integrator sind günstiger als Nachrüstungen in der Serie.

6. Umsetzung, Hochlauf, Übergabe. Anlauf mit begleiteter Serienfreigabe, definierte Verantwortlichkeiten, Schulung der Instandhaltung, Ersatzteilkonzept, dokumentierte Parameter.

Für Auswahlgespräche mit Integratoren bewähren sich harte Kriterien: Referenzen im gleichen Prozess, nicht nur in der Branche; Verfügbarkeitsgarantie mit Messverfahren; Zugriff auf Programme und Parameter; Reaktionszeiten im Service; Dokumentationstiefe. Wer diese Punkte vertraglich klärt, reduziert die typischen Reibungsverluste im Hochlauf erheblich.

Qualität, Sicherheit und regulatorische Anforderungen

Automatisierung verändert die Nachweisführung. Was zuvor ein Werker geprüft und abgezeichnet hat, muss nun technisch abgesichert und dokumentiert werden. In regulierten Umgebungen ist das der Punkt, an dem Projekte häufig länger dauern als geplant.

Sicherheitstechnisch stehen mehrere Ebenen an: Risikobeurteilung der Gesamtanlage, Auswahl und Bewertung der Schutzeinrichtungen, Nachweis der funktionalen Sicherheit für sicherheitsrelevante Funktionen, CE-Kennzeichnung als Gesamtanlage und die Betreiberpflichten im Betrieb. Bei kollaborierenden Anwendungen kommt die Bewertung von Kraft- und Druckgrenzen hinzu; ein Cobot ist nicht per se sicher, sicher ist erst die geprüfte Applikation. Cybersecurity gehört ebenfalls dazu, sobald Zellen ans Netzwerk angebunden sind.

Qualitätsseitig sind vor allem diese Punkte zu klären:

  • Prozessvalidierung und Freigabe nach Änderung, in der Medizintechnik nach ISO 13485 mit entsprechender Dokumentationstiefe
  • Lenkung von Änderungen an Programmen, Parametern und Greifern, inklusive Versionierung und Freigabeworkflow
  • Prüfmittelüberwachung für integrierte Mess- und Bildverarbeitungssysteme
  • Rückverfolgbarkeit der Prozess- und Prüfdaten, im Automotive-Umfeld nach IATF 16949 üblich über MES- oder CAQ-Anbindung
  • Aktualisierung von FMEA, Prüfplan und Arbeitsanweisungen nach jeder relevanten Änderung
  • Interne Audits mit Blick auf die neue Prozesskette statt auf die alte Beschreibung

Praktischer Hinweis aus Projekten: Die Dokumentation sollte parallel zur Inbetriebnahme entstehen, nicht danach. Nachträgliche Rekonstruktion von Parametern und Freigabestufen kostet mehr Zeit als die begleitende Erstellung.

Mitarbeitende, Digitalisierung und kontinuierliche Verbesserung

Technik allein verändert keinen Betrieb. Entscheidend ist, wer die Anlage kennt, wer Störungen behebt und wer Verbesserungen anstößt. In Projekten, die tragen, sind Instandhaltung und Fertigung ab dem Konzept beteiligt und nicht erst bei der Abnahme.

Qualifizierung heißt konkret: Bedienung und Störungsbehebung erster Stufe für das Schichtpersonal, Programmierkenntnisse für mindestens zwei Personen pro Standort, Kenntnisse in Bildverarbeitung und Sensorik in der Instandhaltung, sowie ein Grundverständnis der Sicherheitslogik bei den Verantwortlichen. Wer diese Kompetenzen nicht intern aufbaut, bleibt bei jeder Störung vom Integrator abhängig, was Verfügbarkeit und Kosten spürbar beeinflusst.

Der Digitalisierungsteil entscheidet über den nachhaltigen Nutzen. Eine Zelle, die Zykluszeiten, Störgründe und Prüfergebnisse strukturiert an MES und CAQ meldet, liefert die Datengrundlage für Ursachenanalysen. Ohne Anbindung bleiben Auswertungen bei Schätzungen. Papierlose Prüfdokumentation und automatische Rückmeldung von Ausschussgründen sind dabei oft der pragmatischste Einstieg.

Für die kontinuierliche Verbesserung bewähren sich klassische Werkzeuge in neuem Kontext: Ishikawa und 5 Why für Störgründe, Kennzahlenreview im Shopfloor-Management, regelmäßige Aktualisierung der FMEA, Zielwerte für Verfügbarkeit und Ausschuss. Kontor Gruppe begleitet solche Vorhaben typischerweise an der Schnittstelle von Lean Management, Qualitätsmanagement und CAQ- beziehungsweise MES-naher Digitalisierung, weil die technischen und organisatorischen Fragen dort zusammenlaufen.

Realistisch bleibt: Die ersten Monate nach Inbetriebnahme sind Lernzeit. Wer diese Phase einplant, erreicht die Zielwerte; wer sie überspringt, korrigiert später unter Druck.

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