Welche Funktionen sollte eine gute Automatisierungslösung bieten?
von SK
Eine gute Automatisierungslösung ist kein Werkzeugkasten voller Features, sondern ein System, das genau die Stellen abdeckt, an denen heute Medienbrüche, Nachfragen und Fehlerkosten entstehen. Praktisch heißt das: konfigurierbare Workflows mit Freigabe- und Eskalationslogik, belastbare Schnittstellen zu ERP, MES, CAQ und DMS, revisionssichere Protokollierung, Echtzeitdaten mit sinnvollen Kennzahlen, Rollen- und Rechteverwaltung sowie eine Bedienung, die auch in der Fertigung ohne Schulungsmarathon funktioniert.
Entscheidend ist nicht der Funktionsumfang auf dem Datenblatt, sondern die Frage, ob die Lösung Ihre konkreten Prozessrisiken beseitigt: unklare Freigaben, fehlende Rückverfolgbarkeit, doppelte Datenerfassung und Abweichungen, die zu spät auffallen.
Wer in Auswahlgespräche geht, ohne diese Risiken benannt zu haben, kauft in der Regel Funktionen, die niemand nutzt. In Projekten mit Produktions- und Qualitätsteams zeigt sich immer dasselbe Muster: Erst wenn die Prozesslandkarte, die Datenqualität und die Verantwortlichkeiten geklärt sind, lässt sich sauber bewerten, welche Funktionen wirklich Pflicht sind und welche nur nett wären.
Automatisierungsziele und Prozessanforderungen klar definieren
Vor jeder Softwareauswahl steht die unbequeme Arbeit: Welcher Prozess kostet heute wie viel Zeit, wo entstehen Abweichungen, und welche Kennzahl soll sich messbar verändern? Ohne diese Klärung wird das Lastenheft zur Wunschliste.
Bewährt hat sich eine kurze Priorisierung entlang von drei Fragen: Wie oft läuft der Prozess, wie stark schwankt das Ergebnis, und wie hoch ist der Aufwand bei Fehlern? Ein Reklamationsprozess mit 400 Fällen im Jahr, uneinheitlicher Ursachenanalyse und Kundenrückfragen bringt mehr Hebel als ein perfekt automatisierter Urlaubsantrag.
Formulieren Sie Ziele so, dass sie prüfbar sind:
| Prozessrisiko | Typisches Ziel | Passende Funktionsanforderung |
|---|---|---|
| Medienbrüche zwischen Papier und System | Doppelerfassung entfällt | Formulare, mobile Erfassung, Schnittstellen |
| Unklare Freigaben | Verantwortung dokumentiert | Rollenbasierte Freigabeschritte, Vertretungsregeln |
| Fehlende Rückverfolgbarkeit | Charge in Minuten nachweisbar | Versionierung, Audit Trail, Verknüpfung zu Prüfdaten |
| Abweichungen fallen zu spät auf | Reaktionszeit halbiert | Regelbasierte Trigger, Eskalation, Grenzwertalarme |
Wichtig ist die Prozessreife: Ein Ablauf, der in drei Werken unterschiedlich läuft, sollte vor der Automatisierung standardisiert werden. Sonst automatisieren Sie Varianten und nicht Prozesse. Lean-Analysen wie Wertstromaufnahmen liefern hier die nötige Faktenbasis, oft mit überraschenden Erkenntnissen darüber, wo Wartezeiten tatsächlich entstehen.
Halten Sie außerdem fest, was bewusst manuell bleiben soll. Entscheidungen mit hoher Ermessensspanne, etwa Sonderfreigaben für Kundenabweichungen, gehören in einen dokumentierten Workflow, nicht in eine Automatisierungsregel.
Kernfunktionen für flexible Workflow-Steuerung
Die Workflow-Engine ist das Herzstück. Sie entscheidet, ob sich Prozessänderungen in Tagen oder in Monaten umsetzen lassen. In der Praxis trennt sich hier die Spreu vom Weizen, weil viele Lösungen zwar Standardabläufe abbilden, aber bei Ausnahmen an ihre Grenzen kommen. Und Ausnahmen sind in Produktion und Qualität die Regel.
Folgende Funktionen sollten in jedem Lastenheft stehen:
- Visuelle Prozessmodellierung mit konfigurierbaren Schritten, Bedingungen und Parallelzweigen, ohne Programmierung für Standardänderungen
- Regelbasierte Trigger: Zeitpunkte, Grenzwertüberschreitungen, Ereignisse aus Maschinen- oder Prüfdaten
- Mehrstufige Freigaben mit Vier-Augen-Prinzip, Vertretungsregelung und dokumentierter Begründung bei Ablehnung
- Eskalationslogik mit Fristen, automatischer Weitergabe und Benachrichtigung der nächsten Ebene
- Ausnahmebehandlung: Ein Prozess muss angehalten, korrigiert und mit Kommentar fortgesetzt werden können
- Aufgabenverwaltung mit klaren Zuständigkeiten, Wiedervorlagen und Statusübersicht pro Rolle
- Formular- und Dokumentenlenkung inklusive Versionsstand, Gültigkeit und Freigabestatus
- Wiederverwendbare Vorlagen, damit ein Abweichungsprozess nicht für jede Linie neu gebaut wird
Ein praktischer Test im Auswahlgespräch: Lassen Sie den Anbieter live einen zusätzlichen Prüfschritt mit Freigabe einbauen. Dauert das länger als eine Viertelstunde oder braucht es Entwicklerressourcen, wird jede spätere Prozessanpassung teuer.
Achten Sie auch auf die Simulationsmöglichkeit. Wer Workflows vor dem Produktivstart mit realen Daten durchspielen kann, findet Logikfehler früh, statt sie beim ersten Serienanlauf zu erklären.
Integration in bestehende Systeme und Datenquellen
Automatisierung scheitert selten an der Engine, sondern an Schnittstellen. Wenn Aufträge im ERP liegen, Prüfergebnisse im CAQ, Maschinendaten im MES und Nachweise im DMS, entscheidet die Integrationsfähigkeit über den tatsächlichen Nutzen.
Prüfen Sie konkret, nicht abstrakt:
| Anforderung | Worauf zu achten ist |
|---|---|
| Standardschnittstellen | Dokumentierte REST-APIs, OPC UA für Maschinendaten, gängige Konnektoren für ERP-Systeme |
| Datenrichtung | Nur lesend oder auch schreibend zurück ins Führungssystem? Rückschreiben ist der eigentliche Prüfstein |
| Stammdatenhoheit | Welches System führt Artikel, Lieferanten, Prüfpläne? Doppelte Pflege ist eine Fehlerquelle |
| Fehlerbehandlung | Was passiert bei Schnittstellenausfall? Wiederholversuche, Warteschlangen, Meldung an eine Person |
| Datenqualität | Validierungsregeln, Pflichtfelder, Plausibilitätsprüfungen bereits bei der Erfassung |
Aus Digitalisierungsprojekten in Fertigung und Qualitätssicherung kennen wir den typischen Stolperstein: Die Schnittstelle funktioniert technisch, aber die Semantik passt nicht. Ein Fehlercode heißt im MES anders als im CAQ, Einheiten unterscheiden sich, Zeitstempel liegen in verschiedenen Zonen. Ein verbindliches Datenmodell mit einheitlichen Schlüsseln erspart hier viel Nacharbeit.
Papierlose Qualitätsprozesse zeigen den Effekt am deutlichsten. Sobald Prüfaufträge, Messwerte, Sperrentscheidungen und Freigabedokumente in einer durchgängigen Kette hängen, verschwindet die Suche nach Nachweisen. Genau das ist der Unterschied zwischen digitalisiertem Papier und echter Prozessintegration.
Fragen Sie beim Anbieter auch nach der Historie von Schnittstellen bei Versionswechseln. Eine Lösung, deren Anpassungen nach jedem Update neu gebaut werden müssen, verursacht dauerhafte Kosten.
Transparenz durch Monitoring, Reporting und Fehleranalyse
Eine Automatisierungslösung ohne Auswertung ist eine Blackbox. Sie erledigt Aufgaben, liefert aber keine Grundlage für Verbesserung. In regulierten Umgebungen kommt hinzu: Was nicht nachvollziehbar dokumentiert ist, gilt im Audit als nicht geschehen.
Zwingend sind aus unserer Sicht folgende Funktionen:
- Vollständiger Audit Trail: Wer hat wann was geändert, freigegeben oder verworfen, mit unveränderbarer Protokollierung
- Prozesskennzahlen wie Durchlaufzeit, Liegezeit pro Schritt, Erstlösungsquote, Anteil manueller Eingriffe und Fehlerquote
- Echtzeit-Dashboards mit rollenspezifischer Sicht: Der Fertigungsleiter braucht andere Zahlen als der QM-Beauftragte
- Grenzwertbasierte Alarme, die eine Aktion auslösen und nicht nur eine E-Mail erzeugen
- Auswertbare Fehlerdaten für Ursachenanalysen, sodass Methoden wie Ishikawa, 5 Why oder FMEA-Aktualisierungen auf Fakten aufsetzen
- Exportfähige Berichte für Kundenaudits, Managementbewertung und Lieferantengespräche
Ein häufiger Fehler: Es werden Kennzahlen erfasst, die niemand nutzt. Sinnvoller sind wenige Zahlen mit klarer Konsequenz. Wenn die Liegezeit im Freigabeschritt drei Tage übersteigt, muss festgelegt sein, wer eingreift.
Der eigentliche Wert liegt in der Rückkopplung. Wenn Abweichungsdaten aus dem laufenden Prozess automatisch in die Risikobewertung fließen, wird aus Reporting Fehlerprävention. Statistische Auswertungen von Prüfdaten zeigen dann Trends, bevor Toleranzen verlassen werden, statt Ausschuss im Nachhinein zu dokumentieren.
Benutzerfreundlichkeit, Rollen und Akzeptanz im Arbeitsalltag
Die technisch beste Lösung nützt nichts, wenn der Werker an der Linie sie umgeht. Akzeptanz entscheidet über den Nutzen, und Akzeptanz entsteht aus Bedienbarkeit und spürbarer Erleichterung.
Worauf es in der Praxis ankommt:
- Wenige Klicks pro Vorgang: Eine Prüfeingabe an der Maschine sollte in unter einer Minute erledigt sein
- Rollenbasierte Oberflächen: Maschinenführer, Instandhalter, QM-Beauftragter und Auditor sehen jeweils nur relevante Felder
- Bedienbarkeit unter realen Bedingungen: Touch mit Handschuhen, große Schaltflächen, lesbare Kontraste, stabile Nutzung bei schwachem WLAN
- Rechte- und Berechtigungskonzept mit sauberer Trennung von Erfassen, Prüfen und Freigeben
- Mehrsprachigkeit dort, wo Teams international besetzt sind
- Verständliche Rückmeldungen: Fehlermeldungen sollen sagen, was zu tun ist, nicht welchen Code das System geworfen hat
Ein einfacher Praxistest vor der Entscheidung: Lassen Sie zwei Mitarbeitende ohne Vorschulung eine typische Aufgabe erledigen. Was dabei nicht innerhalb weniger Minuten gelingt, wird im Alltag zur Fehlerquelle.
Ebenso wichtig ist die Einführungsbegleitung. Rollen früh benennen, Key User qualifizieren, Rückmeldungen aus dem Pilotbereich tatsächlich einarbeiten. Wo Beschäftigte erleben, dass ihre Anmerkungen zu Änderungen führen, kippt die Stimmung von Skepsis zu Mitarbeit. Kurze, aufgabenbezogene Schulungen wirken dabei deutlich besser als umfangreiche Systemtrainings.
Skalierbarkeit, Sicherheit und wirtschaftliche Einführung
Eine Lösung, die im Pilotbereich überzeugt, muss auch bei zehnfacher Datenmenge und mehreren Standorten tragen. Modularer Aufbau ist hier der praktische Prüfstein: Lässt sich ein weiterer Prozess oder Standort ohne Neuaufbau ergänzen?
Für die Bewertung haben sich diese Punkte bewährt:
| Bereich | Konkrete Prüffrage |
|---|---|
| Skalierbarkeit | Wie verhält sich das System bei wachsender Nutzerzahl und Datenvolumen? Gibt es Referenzen ähnlicher Größe? |
| Mandantenfähigkeit | Können Werke eigene Varianten fahren, ohne den Standard zu zerstören? |
| Sicherheit | Rollen- und Rechtekonzept, Verschlüsselung, Protokollierung von Zugriffen, Anbindung an die Unternehmens-Identitätsverwaltung |
| Compliance | Datenschutzkonformität, Aufbewahrungsfristen, Nachweisführung für Audits und regulatorische Anforderungen |
| Ausfallsicherheit | Notbetrieb, Datensicherung, Wiederherstellungszeiten, dokumentierte Verfahren bei Störungen |
| Betriebsmodell | Cloud, On-Premise oder hybrid, inklusive Klärung, wo Fertigungsdaten liegen dürfen |
Wirtschaftlich sinnvoll ist ein Vorgehen in Stufen. Ein klar abgegrenzter Pilotprozess mit messbaren Zielwerten, danach die Ausweitung. Rechnen Sie dabei mit Gesamtkosten über mehrere Jahre: Lizenzen, Schnittstellen, Anpassungen, Schulungen, internen Aufwand und Betrieb. Die Anpassungs- und Integrationskosten übersteigen die Lizenzkosten häufig deutlich.
Definieren Sie vor dem Start die Abbruchkriterien. Wenn nach drei Monaten Pilotbetrieb weder Durchlaufzeit noch Fehlerquote messbar besser sind, sollte nachjustiert werden, statt breiter auszurollen. Diese Nüchternheit schützt Budget und Glaubwürdigkeit des Projekts.