FAQ-Artikel

Welche Arten von Automatisierung gibt es in der Industrie?

von KG Redakteur

In Industrieunternehmen begegnen uns Automatisierungsvorhaben selten als reine Robotikfrage. Die industrielle Automatisierung umfasst heute ein breites Spektrum technologischer Lösungen. Wer wissen will, welche Arten von Automatisierung es in der Industrie gibt, kommt mit vier Blickwinkeln der modernen Automatisierungstechnik weiter. Dabei kommen vielfältige Automatisierungstechnologien zum Einsatz, die den jeweiligen Anforderungen entsprechen.

Dazu zählen der Automatisierungsgrad (von der Werkerassistenz bis zur vollautomatischen Linie), die Flexibilität des Systems (starr, programmierbar, flexibel), der Einsatzbereich sowie der Grad der digitalen Vernetzung im Kontext der Industrie 4.0.

Automatisierungsarten

Diese Einteilung ist mehr als Systematik. Sie entscheidet darüber, ob ein Projekt wirtschaftlich trägt. Eine starre Verkettung rechnet sich bei hohen, stabilen Stückzahlen, während dieselbe Investition bei Losgröße 50 und wöchentlichen Variantenwechseln zum Engpass wird. Die entscheidende Frage lautet daher nicht "Wie viel Technik ist möglich?", sondern "Welcher Automatisierungsgrad passt zu Prozessstabilität, Varianz, Datenqualität und Qualifikation der Mannschaft?"

In der Praxis zeigt sich zudem: Viele Effizienzgewinne entstehen nicht durch neue Maschinen, sondern durch das Automatisieren von Informationsflüssen. Prüfdatenerfassung, Freigaben und Rückverfolgbarkeit steigern die Produktqualität nachhaltig. Sie sind häufig die Bereiche mit dem kürzesten Amortisationszeitraum. Dabei spielt auch die Energieeffizienz eine wachsende Rolle, da optimierte Abläufe den Ressourcenverbrauch messbar senken. Durch die Vermeidung von manuellem Aufwand wird der gesamte Betrieb schlanker und erreicht eine höhere Nachhaltigkeit.

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Automatisierung lässt sich nach Grad, Flexibilität, Einsatzbereich und Vernetzung einordnen, nicht nur nach Technologie.
  • Starre, programmierbare und flexible Systeme unterscheiden sich vor allem in Stückzahllogik und Umrüstaufwand.
  • Ohne stabile Prozesse, verlässliche Daten und eingebundene Mitarbeitende bleibt jede Automatisierung unter ihrem Potenzial.

Grundlagen: Automatisierungsgrad und Systemarchitektur

Der Automatisierungsgrad beschreibt, welcher Anteil einer Aufgabe von Technik übernommen wird. Zwischen manueller Arbeit und vollautomatischem Betrieb liegen mehrere praxisrelevante Stufen:

Stufe

Charakteristik

Typisches Beispiel

Manuell

Mensch führt aus und entscheidet

Handmontage, Sichtprüfung

Werkerassistenz

Technik unterstützt, Mensch bleibt Taktgeber

Pick-by-Light, Drehmomentschrauber mit Rückmeldung

Teilautomatisierung

Einzelschritte laufen selbstständig, Handling manuell

Halbautomatische Presse mit manueller Beladung

Vollautomatisierung

Prozess läuft ohne Eingriff, Mensch überwacht

Verkettete Bearbeitungszelle mit Roboterhandling

Verkettete Anlage

Mehrere Stationen mit automatischem Materialfluss

Montagelinie mit Transfersystem

Selbstoptimierend

System regelt Parameter datenbasiert nach

Prozessregelung anhand Inline-Messwerten

Technisch bauen alle Stufen auf der Architektur der Fabrikautomation auf. Hierbei integrieren Unternehmen verschiedene Automatisierungslösungen in ihre bestehende Infrastruktur. Sensorik erfasst Zustände, während Steuerungssysteme wie die Speicherprogrammierbare Steuerung (SPS) Signale verarbeiten. In der Elektrotechnik werden die Grundlagen für diese präzise Signalverarbeitung geschaffen. Die Steuerungstechnik gibt dabei den logischen Takt vor.

Die Aktorik führt die Befehle mechanisch aus, während die Regelungstechnik für stabile Prozesszustände sorgt. Dabei wandeln Aktoren die Steuersignale in exakte Bewegungen um. Erst wenn diese Ebenen saubere Schnittstellen haben, lassen sich Automatisierungsschritte ohne Insellösungen ergänzen. Damit entstehen durchgängige Systeme für die Produktion.

Eine Beobachtung aus vielen Werksbegehungen: Anlagen scheitern selten an der Mechanik, sondern an fehlender Signalqualität. Wenn Sensoren nicht kalibriert sind oder Störmeldungen unspezifisch bleiben, sinkt die Verfügbarkeit schneller als jede Taktzeitrechnung vermuten lässt.

Starre, programmierbare und flexible Produktionssysteme

Die Entwicklung dieser Systeme ist eng mit der Geschichte der Industrie verknüpft. Seit der ersten Industriellen Revolution hat sich der Fokus stetig verschoben. Die zweite Ordnungslogik betrachtet nun, wie leicht sich ein System auf neue Produkte umstellen lässt.

Starre (feste) Automatisierung ist auf ein Produkt oder eine Produktfamilie ausgelegt. Abfüllanlagen in der Getränkeindustrie, Transferstraßen im Metallbereich oder Verpackungslinien für Konsumgüter erreichen sehr niedrige Stückkosten, verlangen aber hohe Anfangsinvestitionen und lassen Änderungen nur mit erheblichem Umbau zu.

Programmierbare Automatisierung arbeitet mit rüstbaren Systemen wie CNC-Bearbeitungszentren oder Industrieroboter mit mehreren Programmen. Auch die Leiterplattenbestückung mit wechselnden Bauteilprogrammen gehört dazu. Varianten laufen nacheinander, wobei der Wechsel Rüstzeit kostet. Dies ist der Standardfall für mittlere Serien.

Flexible Automatisierung minimiert Umrüstzeiten durch modulare Zellen, Werkzeug- und Palettenwechsler, kollaborierende Roboter und softwareseitige Rezeptverwaltung. Losgröße 1 wird wirtschaftlich denkbar, dafür steigen Komplexität, Softwareanteil und Anforderungen an Datenpflege.

Typ

Stückzahl

Variantenfähigkeit

Investition

Umrüstaufwand

Starr

sehr hoch

gering

hoch

sehr hoch

Programmierbar

mittel bis hoch

mittel

mittel

mittel

Flexibel

niedrig bis mittel

hoch

mittel bis hoch

niedrig

Im Maschinenbau und in der Kunststofftechnik sehen wir häufig Mischformen: eine starr automatisierte Kernoperation, flankiert von flexiblen Montage- und Prüfzellen. Diese Kombination hält die Grundlast wirtschaftlich und erhält gleichzeitig Reaktionsfähigkeit bei Sonderaufträgen.

Automatisierung in Produktion, Qualität und Logistik

Nach Einsatzbereich betrachtet, verteilt sich Automatisierung auf vier Felder, die im Betriebsalltag unterschiedlich reifen.

  • Fertigung und Montage: Robotik und Handhabungstechnik, Schweiß- und Klebeanwendungen sowie das automatische Beladen von Maschinen. Auch Schraub- und Fügeprozesse mit Prozessüberwachung zählen dazu.
  • Qualitätssicherung: Inline-Messtechnik, optische Prüfsysteme mit Bildverarbeitung, automatische Prüfdatenerfassung in CAQ-Systemen, statistische Prozesslenkung mit Alarmierung bei Trendabweichungen, papierlose Prüfpläne und Fehlersammelkarten.
  • Intralogistik und Lager: Fahrerlose Transportsysteme, moderne Fördertechnik, automatische Kleinteilelager und Kanban mit elektronischer Auslösung. Die Fördertechnik verknüpft dabei einzelne Fertigungsinseln.
  • Administration und Prozesssteuerung: Prozessautomatisierung durch regelbasierte Workflows für Freigaben und Reklamationsbearbeitung. Auch Wartungsplanung, Dokumentenlenkung und Lieferantenbewertung lassen sich so effizient steuern. Hier kommen oft Technologien wie RPA zum Einsatz. Diese Robotic Process Automation entlastet Mitarbeitende von repetitiven Aufgaben.

Eine gezielte Prozessoptimierung sorgt dafür, dass Engpässe identifiziert und behoben werden. Der wirtschaftliche Hebel liegt oft nicht dort, wo die Investition am sichtbarsten ist. Wenn Prüfergebnisse noch auf Papier notiert und später abgetippt werden, entstehen Doppelarbeit, verzögerte Reaktionen und lückenhafte Rückverfolgbarkeit. Genau an dieser Schnittstelle setzen Projekte an, die Qualitätsmanagement, Lean Management und Digitalisierung zusammendenken; in unseren Projekten bei der Kontor Gruppe zeigt sich regelmäßig, dass die Ablösung von Papierprozessen in der Qualitätssicherung schneller wirkt als eine zusätzliche Roboterzelle.

Praktischer Hinweis: Automatisierte Prüfung ersetzt keine Fehlervermeidung. FMEA und Prozessfähigkeitsbetrachtung gehören vor die Anschaffung einer Prüfanlage, nicht danach.

Vernetzte und Intelligente Systeme im Industrie-4.0-Umfeld

Die digitale Transformation bildet eine Schicht über der physischen Automatisierung. Moderne Kommunikationstechnik ermöglicht dabei den schnellen Austausch von Daten. Vernetzte Automatisierungssysteme entstehen, wenn Maschinen, Steuerungen und IT-Systeme nahtlos verknüpft sind. Damit lassen sich Informationen werksübergreifend nutzen.

Entscheidungen werden dann auf Basis aktueller Werte statt auf bloßer Erfahrung getroffen.

Typische Bausteine:

  • Cyber-physische Systeme (CPS): Maschinen mit Sensorik, Rechenleistung und Netzwerkanbindung, die ihren Zustand selbst melden.
  • IIoT-Sensorik: nachgerüstete Sensoren für Temperatur, Vibration, Energieverbrauch, auch an älteren Anlagen.
  • MES: Fertigungssteuerung mit Auftragsverfolgung, Maschinendatenerfassung, OEE-Auswertung und Rückverfolgbarkeit.
  • CAQ und DMS: digitale Prüfplanung, Messdatenauswertung, Reklamationsmanagement, gelenkte Dokumente.
  • Digitale Zwillinge: Simulationsmodelle für Anlagenauslegung, Taktzeitprüfung und Änderungsbewertung vor der Umsetzung.
  • KI-gestützte Analyse: Mustererkennung durch Künstliche Intelligenz in Prozessdaten zur vorausschauenden Wartung. Diese Technologie bietet wertvolle Unterstützung bei der Ursachenanalyse komplexer Fehlerbilder.

Der Nutzen entsteht nicht durch die Menge erfasster Daten, sondern durch Kontext. Ein Vibrationssignal wird erst dann zur Wartungsentscheidung, wenn Maschinenzustand, Auftrag, Werkzeugstand und Prüfergebnisse gemeinsam auswertbar sind. Deshalb lohnt der frühe Blick auf Schnittstellen und einheitliche Stammdaten.

Ein realistischer Einstieg für den Mittelstand: eine Maschinengruppe anbinden, Stillstandsgründe strukturiert erfassen, daraus Maßnahmen ableiten. Diese kleine Datenbasis liefert meist mehr Erkenntnis als ein flächendeckendes Dashboard ohne gepflegte Stammdaten.

Die passende Lösung nach Prozess, Nutzen und Reifegrad auswählen

Vor der Technologieauswahl steht die Prozessbewertung. Bewährt hat sich ein Raster mit sechs Kriterien, das jeden Kandidatenprozess durchläuft.

Kriterium

Leitfrage

Konsequenz

Prozessstabilität

Ist der Ablauf standardisiert und beherrscht?

Instabile Prozesse zuerst mit Lean-Methoden bereinigen

Qualitätsrisiko

Welche Fehlerfolgen drohen, wie sicher ist die Erkennung?

Hohes Risiko rechtfertigt Prüfautomatisierung und Poka Yoke

Datenverfügbarkeit

Liegen verlässliche Prozess- und Prüfdaten vor?

Fehlende Daten zuerst erfassen, dann regeln

Mitarbeitereinbindung

Wer bedient, wartet, wertet aus?

Qualifizierung parallel zur Technik planen

Skalierbarkeit

Lässt sich die Lösung auf weitere Linien übertragen?

Modularität und offene Schnittstellen bevorzugen

Wirtschaftlicher Nutzen

Wo entsteht messbarer Effekt: Zeit, Energieeffizienz, Ausschuss, Durchlauf?

Nutzen vor Projektstart quantifizieren

Ein Reifegradmodell hilft, Erwartungen zu ordnen: von manuellen, papierbasierten Abläufen über teilautomatisierte Erfassung und durchgängig digitale Prozesse bis zu vernetzten, datenbasiert geregelten Systemen. Stufen lassen sich selten überspringen. Wer ohne stabile Standards direkt in eine vollautomatische Linie investiert, automatisiert vorhandene Verschwendung mit.

Aus der Projektpraxis: Der ehrlichste Test ist eine Wertstromanalyse. Sie zeigt, ob der Engpass tatsächlich in der Bearbeitungszeit liegt oder in Warte-, Rüst- und Informationszeiten. In der Mehrheit der Fälle liegt er nicht an der Maschine.

Erfolgreiche Einführung: Mensch, Daten und Qualität

Automatisierungsprojekte scheitern selten an der Anlagentechnik, sondern an Organisation und Datenbasis. Drei Aspekte verdienen deshalb von Anfang an Aufmerksamkeit.

Mitarbeitende früh einbinden. Wer die Anlage später bedient, kennt die Störgrößen am besten. Beteiligung bei Layout, Bedienkonzept und Störungsbehebung verbessert die Verfügbarkeit messbar und senkt Widerstände. Dazu gehört Qualifizierung: Bedienung, Erstanalyse, Umgang mit Auswertungen und, bei geregelten Branchen, Nachweisführung im Audit.

Datenqualität vor Datenmenge. Einheitliche Artikel-, Maschinen- und Fehlerschlüssel sind unspektakulär, aber Voraussetzung für jede sinnvolle Auswertung. Ohne gepflegte Stammdaten liefern MES- und CAQ-Kennzahlen Zahlen, denen im Werk niemand traut.

Qualität und Compliance mitdenken. Änderungen an Prozessen berühren Validierung, Prüfplanung, FMEA-Stände, Rückverfolgbarkeit und die Dokumentation im Managementsystem. In regulierten Umfeldern wie Medizintechnik, Pharma oder Automotive nach IATF 16949 gehören diese Punkte in den Projektplan, nicht in die Nacharbeit.

Als Vorgehen bewährt: Pilotbereich abgrenzen, Ausgangswerte messen, Standard schaffen, automatisieren, Ergebnis nachmessen und dann übertragen. Diese Reihenfolge kostet anfangs Geduld, verhindert aber teure Korrekturen und macht den Nutzen intern belegbar. Nachhaltige Wirkung entsteht, wenn Technik, Prozessstandard und Kompetenzaufbau gemeinsam wachsen.

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