FAQ-Artikel

Welche Technologien werden für Automatisierung am häufigsten eingesetzt?

von KG Redakteur

Wer heute nach Automatisierung fragt, denkt oft zuerst an Roboterarme. In der Praxis entscheidet sich der Erfolg deutlich häufiger an unscheinbaren Dingen: an einer Steuerung, die saubere Daten liefert, an einem Sensor, der Toleranzen zuverlässig erkennt, und an einer Software, die Freigaben ohne Papier durch die Organisation trägt.

Häufige Technologien für Automatisierung

Am häufigsten eingesetzt werden fünf Technologiegruppen: speicherprogrammierbare Steuerungen und Robotik, Sensorik mit Bildverarbeitung und Identifikationstechnik, Software für Workflows und Prozessautomatisierung (BPM, RPA, Workflow-Engines), Betriebssysteme der Fertigung wie MES und CAQ sowie Datenplattformen mit IIoT-Anbindung und KI-Modellen. Diese Bausteine greifen ineinander, und genau darin liegt der Unterschied zwischen einer Insellösung und einem belastbaren Prozess.

Für Verantwortliche in Produktion, Qualität und Operations lohnt sich deshalb ein zweiter Blick: Welche Technologie löst welches Problem, wie hoch ist der Integrationsaufwand, und was bedeutet sie für Rückverfolgbarkeit, Fehlervermeidung und Auditierbarkeit? Genau diese Fragen sortieren wir im Folgenden.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Automatisierung entsteht aus dem Zusammenspiel von Steuerungstechnik, Sensorik, Software und Daten, nicht aus einer einzelnen Technologie.
  • Reifegrad und Integrationsaufwand unterscheiden sich stark: Steuerungen und Sensorik sind erprobt, KI-gestützte Auswertungen brauchen belastbare Datengrundlagen.
  • Jede Automatisierungsentscheidung sollte an Qualitätsanforderungen wie Rückverfolgbarkeit, Fehlervermeidung und Nachweisfähigkeit gemessen werden.

Automatisierung verstehen: Ebenen und Einsatzfelder

Automatisierung bedeutet, dass Technik Aufgaben selbstständig ausführt, während Mechanisierung den Menschen lediglich unterstützt. Für die Technologieauswahl hilft die klassische Gliederung in Ebenen, weil sie zeigt, wo Daten entstehen und wo Entscheidungen fallen.

Ebene Typische Technik Nutzen im Betrieb
Feldebene Sensoren, Aktoren, Antriebe Messwerte, physische Ausführung
Steuerungsebene SPS, Industrie-PC, Roboterzelle Takt, Verriegelungen, Sicherheit
Leitebene MES, SCADA, CAQ Auftragssteuerung, Prüfplanung, Traceability
Unternehmensebene ERP, BPM, Workflow-Tools Planung, Freigaben, kaufmännische Abläufe
Analyseebene Datenplattform, KI-Modelle Muster erkennen, Ursachen eingrenzen

Zwei Welten treffen dabei aufeinander. Maschinenautomatisierung arbeitet in Millisekunden und muss deterministisch bleiben. Digitale Prozessautomatisierung dagegen bewegt Dokumente, Aufgaben und Entscheidungen, oft über Abteilungsgrenzen hinweg. Beide Welten brauchen unterschiedliche Kompetenzen, treffen sich aber an einer Stelle: an der Datenübergabe.

Ebenso wichtig ist der Automatisierungsgrad. Teilautomatisierung mit klaren manuellen Eingriffspunkten ist in kleinen Serien und bei häufigen Produktwechseln häufig die wirtschaftlichere Wahl. Vollautomatisierung rechnet sich bei stabilen Prozessen und hohen Stückzahlen. Hybride Formen, bei denen ein Mensch prüft und bestätigt, haben sich besonders dort bewährt, wo Nachweise gegenüber Kunden oder Auditoren gefordert sind.

In Projekten fällt regelmäßig auf: Nicht die Technik scheitert, sondern der unklare Prozess dahinter.

Industrielle Steuerungstechnik und Robotik

Die speicherprogrammierbare Steuerung bleibt das Arbeitspferd der Fertigungsautomatisierung. Sie verarbeitet Sensorsignale, schaltet Aktoren, überwacht Sicherheitsfunktionen und liefert über Feldbusse und Industrial Ethernet die Signale, die später in MES und Auswertungen landen. Wer Rückverfolgbarkeit aufbauen will, beginnt hier: Ohne saubere Zuordnung von Maschinendaten zu Auftrag, Charge und Werkzeug bleibt jede Analyse Stückwerk.

Robotik ergänzt die Steuerung dort, wo Bewegung und Handhabung gefordert sind. Die Auswahl folgt der Aufgabe:

  • Gelenkarmroboter: Schweißen, Kleben, Lackieren, Maschinenbeladung mit hohen Reichweiten
  • SCARA-Roboter: schnelle Montage- und Bestückungsaufgaben in der Ebene
  • Delta-Kinematiken: Hochgeschwindigkeits-Pick-and-Place in Verpackung und Lebensmittelproduktion
  • Kollaborierende Roboter: kleinere Losgrößen, Arbeitsplätze ohne Vollumzäunung, Prüf- und Zuführtätigkeiten
  • Fahrerlose Transportsysteme und AMR: Materialfluss zwischen Zellen, Lager und Montage

Der Integrationsaufwand liegt selten im Roboter selbst. Greifer, Zuführung, Teilepositionierung und Sicherheitskonzept verursachen den größeren Teil des Aufwands. Ein Praxistipp aus zahlreichen Anläufen: Teilequalität und Zuführgenauigkeit vor der Beschaffung messen, nicht schätzen. Ein Roboter macht Streuung nicht besser, er macht sie sichtbar, meist in Form von Stillständen.

Für Qualität zählt zusätzlich die Nachweisführung. Programmversionen, Parameteränderungen und Wartungszustände sollten versioniert dokumentiert sein, sonst wird jede Reklamationsanalyse und jedes Prozessaudit zur Rekonstruktionsarbeit.

Sensorik, Bildverarbeitung und Identifikation

Ohne Sensorik bleibt Automatisierung blind. Die eingesetzten Typen sind überschaubar und seit Jahren erprobt: induktive und kapazitive Näherungsschalter, Lichttaster, Druck-, Temperatur- und Durchflusssensoren, Kraft- und Drehmomentsensoren, Wegmesssysteme sowie Laser- und Lidar-Sensoren für Abstand und Navigation. Ihr Wert liegt weniger im einzelnen Messwert als in der lückenlosen Erfassung über den Prozess hinweg.

Industrielle Bildverarbeitung übernimmt Prüf- und Erkennungsaufgaben, die vorher Menschen mit Lupe und Grenzmuster erledigt haben. Vier Komponenten bestimmen das Ergebnis: Kamera, Objektiv, Beleuchtung und Auswertesoftware. Die Beleuchtung wird dabei am häufigsten unterschätzt. 2D-Systeme genügen für Anwesenheits-, Lage- und Schriftprüfungen; 3D-Verfahren lohnen sich bei Volumen, Oberflächenform oder Griff-in-die-Kiste-Aufgaben.

Identifikationstechnik schließt die Lücke zur Dokumentation:

Technik Typischer Einsatz Grenze
1D-/2D-Codes (DMC) Bauteil- und Chargenkennzeichnung Sichtlinie, Verschmutzung
RFID Werkstückträger, Behälter, Werkzeuge Metall- und Flüssigkeitsumgebungen
Direktmarkierung dauerhafte Traceability sicherheitsrelevanter Teile Prozess- und Materialverträglichkeit

Wer Prüfmerkmale automatisch erfasst, sollte die Nachweiskette mitplanen: Prüfmittelfähigkeit, Kalibrierintervalle, dokumentierte Grenzwerte. Genau an diesen Punkten fragen Auditoren nach, und genau hier entscheidet sich, ob eine Kamera als Prüfmittel oder nur als Hilfsmittel gilt.

Software für Prozess- und Büroautomatisierung

Ein großer Teil der Verschwendung liegt nicht in der Halle, sondern in Freigaben, Listen und E-Mail-Schleifen. Hier arbeiten andere Technologien als in der Fertigung, mit deutlich kürzeren Einführungszeiten.

  • Workflow- und BPM-Systeme: modellieren Abläufe wie Reklamationsbearbeitung, Änderungsdienst oder Lieferantenfreigabe mit Zuständigkeiten, Fristen und Eskalationen.
  • Robotic Process Automation (RPA): bedient Altsysteme ohne Schnittstelle, etwa beim Übertragen von Bestelldaten oder Prüfergebnissen. Wirksam, aber pflegeintensiv, weil jede Maskenänderung den Ablauf stört.
  • Dokumentenmanagement und papierlose Qualitätssicherung: ersetzen Prüfprotokolle, Freigabeblätter und Handbuchversionen durch nachvollziehbare digitale Stände.
  • Low-Code-Plattformen: ermöglichen Fachabteilungen eigene Formulare und Genehmigungsketten, brauchen aber Governance, damit keine Schatten-IT entsteht.
  • Integrationsplattformen (iPaaS): verbinden ERP, CAQ, PLM und Portale über definierte Schnittstellen statt über manuelle Exporte.

Der Nutzen zeigt sich meist zuerst in der Durchlaufzeit. Eine Reklamation, die früher drei Tage in Postkörben lag, startet mit einem Workflow innerhalb weniger Stunden in der Ursachenanalyse.

Für regulierte Bereiche gilt eine zusätzliche Anforderung: Änderungshistorie, Berechtigungen und lesbare Protokolle. In Projekten rund um DMS-Einführung und papierlose Qualitätssicherung, wie sie Kontor Gruppe etwa im Metall- und Automotive-Umfeld begleitet hat, entscheidet diese Nachweisfähigkeit häufiger über die Akzeptanz als der Funktionsumfang.

Datenplattformen, KI und vernetzte Systeme

Zwischen Maschine und Managementsystem sitzt die Schicht, die aus Signalen verwertbare Information macht. MES-Lösungen steuern Aufträge, erfassen Rückmeldungen und dokumentieren Prozessparameter. CAQ-Systeme bündeln Prüfplanung, Messwerterfassung, Fehlersammelkarten, Reklamations- und Maßnahmenverfolgung. SCADA-Systeme visualisieren Anlagenzustände. Erst zusammen entsteht ein Bild, das für Ursachenanalysen taugt.

Die Anbindung erfolgt heute überwiegend über IIoT-Konzepte: Edge-Geräte, OPC UA als verbreiteter Kommunikationsstandard, MQTT für ereignisbasierte Datenströme sowie Zeitreihen-Datenbanken und Data-Lakehouse-Architekturen für die Auswertung. Cloud oder On-Premise ist dabei weniger eine Glaubensfrage als eine Frage von Latenz, Vertraulichkeit und vorhandener IT-Kompetenz.

KI-Verfahren setzen auf diesen Daten auf. Realistisch und häufig im Einsatz sind:

  • Anomalieerkennung an Maschinen- und Prozessdaten
  • vorausschauende Instandhaltung bei ausreichend langen Historien
  • Bildklassifikation für Oberflächen- und Vollständigkeitsprüfungen
  • Sprachmodelle zur Auswertung von Fehlerbeschreibungen, Prüfberichten und Reklamationstexten

Der begrenzende Faktor ist selten das Modell, sondern die Datenqualität: fehlende Zeitstempel, uneinheitliche Fehlercodes, unklare Zuordnung zu Charge und Werkzeug. Wer Fehlerkataloge harmonisiert und Merkmale eindeutig benennt, gewinnt oft mehr als durch ein zusätzliches Analysewerkzeug. Für Audits gilt zudem: Auch bei modellbasierten Entscheidungen müssen Datenherkunft, Modellstand und Freigabe nachvollziehbar bleiben.

Technologien passend auswählen und erfolgreich einführen

Die Auswahl beginnt nicht beim Anbieter, sondern beim Prozess. Bewährt hat sich eine kurze, harte Vorprüfung: Wo entstehen Fehler, Wartezeiten und Doppelarbeit, und welche Daten wären nötig, um das zu belegen? Eine Wertstromanalyse oder eine strukturierte Prozessaufnahme kostet wenige Tage und verhindert Investitionen in gut automatisierte Verschwendung.

Als Bewertungsraster nutzen wir vier Kriterien:

Kriterium Leitfrage
Reifegrad Ist die Technik im vergleichbaren Umfeld erprobt?
Integrationsaufwand Welche Schnittstellen, Datenmodelle und Sicherheitsfragen entstehen?
Nutzen Wirkt sie auf Qualität, Durchlaufzeit oder Transparenz, möglichst messbar?
Nachweisfähigkeit Bleiben Rückverfolgbarkeit, Änderungshistorie und Prüfmittelstatus belegbar?

Für die Einführung hat sich ein enger Zuschnitt bewährt: ein klar abgegrenzter Pilot mit definierter Kennzahl, Verantwortlichen aus Produktion, Qualität und IT sowie einem Zeitraum von wenigen Monaten. Standards vor Sonderlösungen, dokumentierte Schnittstellen vor manuellen Exporten, Schulung der Bediener vor dem Go-live.

Zwei Fehler wiederholen sich häufig. Erstens: Prozesse werden automatisiert, bevor sie stabil sind. Zweitens: Die Pflege wird nicht eingeplant, weder für RPA-Skripte noch für Prüfprogramme oder Modelle. Wer Verantwortlichkeiten, Änderungsprozesse und Kennzahlen von Beginn an festlegt, hält den Nutzen über Jahre, statt ihn nach dem Projektabschluss langsam zu verlieren.

zurück zu den FAQs

Benötigen Sie Beratung oder Unterstützung?

Jetzt unverbindlich Kontakt aufnehmen

Weitere Fragen zum Thema:

Wie lässt sich der Automatisierungsgrad in einem Prozess bestimmen?

Erfahren Sie, wie sich der Automatisierungsgrad eines Prozesses anhand von Aufgaben, Eingriffen, Datenflüssen & Kennzahlen systematisch bewerten lässt.

Wie verändert Automatisierung Arbeitsplätze und Berufe?

Erfahren Sie, wie Automatisierung Tätigkeiten verändert, welche Kompetenzen wichtiger werden und welche neuen Berufsbilder in Unternehmen entstehen.

Welche Vorteile und Nachteile hat Automatisierung für Unternehmen?

Erfahren Sie alles über die Vor- und Nachteile der Automatisierung – von höherer Produktivität bis hin zu Investitionskosten und Abhängigkeiten.

Welche Arten von Automatisierung gibt es in der Industrie?

Lernen Sie die wichtigsten Automatisierungsarten kennen – von festen und flexiblen Systemen bis zur intelligenten, KI-gestützten Automation.